Neuro-Urologie

Am Berührungspunkt zwischen Urologie, Neurologie und Gynäkologie gelegen, beschäftigt sich die Neuro-Urologie mit der Abklärung und Behandlung von Störungen der Harnblasen- und Beckenbodenfunktion sowie der Therapie des unfreiwilligen Harnverlustes, der Harninkontinenz. Dabei widmet sich die Neuro-Urologie besonders den von einer Erkrankung des Nervensystems betroffen Frauen, Männern und Kindern. Darüber hinaus können auch viele Menschen mit anderen Blasenstörungen mit oder ohne begleitende Harninkontinenz von einer gezielten neurourologischen Abklärung und Behandlung profitieren.

Als junges Fachgebiet der Medizin entwickelte sich die Neuro-Urologie in den letzten dreissig Jahren rasant, kann auf einen enormen Erkenntniszuwachs zurückblicken und nun beachtliche Behandlungserfolge erzielen. Heute können neun von zehn von einer Störung der Blasenfunktion Betroffene erfolgreich behandelt werden.

Wann und wie kann die Neuro-Urologie helfen?

Die Harnblase und der Beckenboden werden durch Nervenzentren in Gehirn und Rückenmark gesteuert. Eine normale Funktion ist nur möglich, wenn das komplexe Zusammenspiel von Harnblase, Schliessmuskel und Nervensystem funktioniert. Ist die Steuerung und Kontrolle der Blase hingegen gestört, so kann dies zu einem unfreiwilligen Harnverlust (einer Harninkontinenz) oder zu einer erschwerten Blasenentleerung führen. Mit Hilfe von Funktionsuntersuchungen, Ultraschall, Endoskopie und Röntgen kann der erfahrene Neurourologe die zugrundeliegende Funktionsstörung feststellen und geeignete Therapiemassnahmen einleiten. 

Bei welchen Erkrankungen sollte der Neuro-Urologe zu Rate gezogen werden?

Entstehen Fehlfunktionen der Harnblase und des Beckenbodens durch Verletzungen von Gehirn und Rückenmark oder durch Erkrankungen des Nervensystems, spricht man von einer neurogenen Blase. Möglich Anzeichen einer neurogenen Blase sind ein fehlendes Gefühl für die Blasenfüllung, ein Kontrollverlust über die Blase und/oder eine erschwerte und unvollständige Entleerung. Nicht selten treten auch vermehrt Blasenentzündungen auf.

Zu einer neurogenen Blase führen:

•      Traumatische Querschnittlähmungen (Para-/Tetraplegie)

•      Angeborene neurologische Defekte (Spina bifida, Meningomyelocele)

•      Durchblutungsstörungen, Infektionen oder Tumoren im Rückenmark

•      Neurodegenerative Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Morbus Parkinson und Demenz

•      Schäden im Gehirn durch Verletzung, Entzündung oder Schlaganfall

•      Schäden im Rückenmark bei Bandscheibenvorfall oder Spinalkanalstenose

Therapieverfahren in der Neuro-Urologie:

Therapeutische Optionen umfassen konservative und operativen Verfahren.

Konservative Therapiemassnahmen:

•      Medikamentöse Behandlung

•      Beckenboden- und Schliessmuskeltherapie mit Biofeedback

•      Funktionelle Stimulation des Beckenbodens

•      Instillationstherapie der Blase

•      Alternativmedizinische Ansätze (zum Beispiel Body-Mind-Medicine)

•      Beratung und Anwendung von Hilfsmitteln

Operative Therapieverfahren:

•      Unterspritzung der Harnröhre bei Inkontinenz

•      Unterspritzung der Harnblase mit Botulinumtoxin bei Dranginkontinenz

•      Schlingensuspension bei Männern und Frauen bei Belastungsinkontinenz

•      Korrektur von Senkungszuständen im Becken (Blasen-, Gebärmutter- und Enddarmsenkung bei der Frau)

•      Endoskopische Eingriffe an Harnröhre, Prostata und Blase bei Verengung der Harnröhre, vergrösserter Prostata oder Blasensteinen/-tumoren

•      Schliessmuskelprothese bei Inkontinenz nach Prostataoperation (ProACT-Ballons, ATOMS-Prothese, AMS 800-Prothese)

•      Blasenschrittmacher (sakrale Neuromodulation mit dem INTERSTIM-System) bei Dranginkontinenz, Schmerz oder erschwerter Blasenentleerung